reihe:there_aint_no_justice:kapitel_9
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+ | Zwei Monate waren eine begrenzte Zeitspanne, um körperlich fit zu werden und die Schießkünste zu verbessern. Hatte Irina die Konfrontation mit Nox herbeigesehnt, | ||
+ | Ein kurzer, intensiver Herbst färbte die Blätter der Bäume bunt, bevor sie herabsegelten und vom Wind oder fleißigen Nonnen zu raschelnden Haufen aufgeschichtet wurden. | ||
+ | Der Winter kündigte sich verfrüht mit einem plötzlichen Kälteeinbruch an. Der unerwartete Temperatursturz überraschte einige Bäume, die in der kurzen Zeit ihr Laub noch nicht vollständig abgeworfen hatten, das jetzt an den Ästen welk wurde. | ||
+ | Die Klosterbewohner rückten unmerklich enger zusammen. Irina hatte das Gefühl, dass es nicht nur am kommenden Winter, sondern auch an ihrem bevorstehenden Fortgehen lag. Die Nonnen hüllten sich in dieser Angelegenheit in höfliches Schweigen, doch die traurigen Blicke, die man Irina heimlich hinterher warf, sprachen für sich. | ||
+ | Ihr Mut sank mit jedem weiteren Tag. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil die Schwestern sich mehr um Juri kümmerten als sie selbst, obwohl sie sich doch für die Adoption entschieden hatte und ihren Sohn ohnehin weggeben würde. | ||
+ | In den seltenen Momenten, wenn sie ihn in den Armen hielt, fühlte sie den Drang sich zu rechtfertigen. Dann sprach sie von Nox, dem Angebot, ihrem Wunsch nach Aufklärung, | ||
+ | So schrieb sie ihm einen umständlichen, | ||
+ | Schließlich kam es noch zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit zwischen den Freundinnen, | ||
+ | In Irinas Augen konnte der Tod aber unmöglich ein Geschenk sein. | ||
+ | Für die Waffe und ein Magazin zu bezahlen, fühlte sich nach einer bewussten Entscheidung an, die sie aus freien Stücken traf. | ||
+ | Einige Tage diskutierten sie hitzig darüber, bis sie einen Kompromiss fanden. | ||
+ | Eine Woche vor Ablauf der Frist bereitete Irina sich für den Aufbruch vor. | ||
+ | Sie teilte niemandem ihre Pläne mit, einzig Miryam gegenüber hatte sie erwähnt, dass sie ohne Abschied verschwinden wollte. So konnte sie sich der Illusion hingeben, wieder zurückzukehren, | ||
+ | Beim letzten Treffen wussten beide, dass es so weit war, doch sie sprachen nicht darüber. Sie brauchten keine Worte, um sich der Freundschaft zu versichern oder Dankesbekundungen auszutauschen. Die Zeit würde zeigen, ob sie sich wiedersehen würden, und dann könnten sie nachholen, was ungesagt geblieben war. Miryam lächelte zum Abschied und warf Irina augenzwinkernd ihren Autoschlüssel zu. | ||
+ | Als sie das Kloster mitsamt ihren wenigen Habseligkeiten verließ, die sie vor einer gefühlten Ewigkeit mitgebracht hatte, neigte sich ein trüber, nass-kalter Wintertag dem Ende entgegen. Raureif und Schneeregen hatten sich zu einer matschigen Schicht vereinigt, die schmatzende Geräusche beim Gehen verursachte. In den Fußstapfen sammelte sich eisiges Wasser. | ||
+ | Die Feuchtigkeit kroch durch die Kleidung und nistete sich als klamme Kälte im Innern ein. Irina hatte kalte Füße, und ihre Hände zitterten leicht, sodass sie mehrere Anläufe brauchte, um das Auto aufzuschließen und das Navi zu programmieren. Das Aufheulen des Motors ließ ihr Herz schneller schlagen, ein harter Knoten bildete sich in ihrem Bauch. | ||
+ | Jetzt wurde es ernst. Sie hatte den Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr umkehren konnte. Ein innerer Zwang trieb sie weiter auf dem gewählten Weg. Die Fahrt war überraschend kurz. Der Anwalt Herbert Neumann wohnte nicht weit von Irinas ehemaliger Heimatstadt in einer kleinen Ortschaft, die bekannt dafür war, dass sich dort bevorzugt gut betuchte Familien niederließen. | ||
+ | Neumanns Adresse entpuppte sich als großzügiges Anwesen. | ||
+ | Ein automatisches Tor verwehrte den Zutritt zu einem gepflasterten Privatweg, der sich zwischen einer Baumgruppe und einem kleinen Hügel verlor. Das Haus selbst war nicht zu sehen. Irina parkte den VW ein Stück weiter an der Straße entlang und lief zurück. Als sie das Tor zum zweiten Mal erreichte, sprang es lautlos auf, und sie nahm die Einladung an, schlüpfte flink durch den größer werdenden Spalt und schlug sich abseits des Weges durch die Büsche, die die Straße flankierten. | ||
+ | Hinter ihr glitt das Tor mit einem metallischen Klirren wieder ins Schloss. | ||
+ | Irina lächelte dünn und kämpfte gegen die steigende Anspannung. | ||
+ | Es konnte nur Nox gewesen sein, der ihr das Tor geöffnet hatte. | ||
+ | Er wartete bereits. | ||
+ | Sie schlich im Schatten der Bäume weiter, gelangte an eine Mauer, die die Einfahrt vom Gelände trennte, und verharrte hinter der Deckung, um das Gebäude zu beobachten und sich einen Überblick zu verschaffen. | ||
+ | Die Dämmerung setzte ein, und im Haus wurde die Beleuchtung eingeschaltet. Mehrere Fenster erstrahlten gleichzeitig als helle Flächen, die Wärme und Behaglichkeit versprachen, | ||
+ | Einmal verharrte ein großer Schatten hinter einem zugezogenen Vorhang im Obergeschoß, | ||
+ | Die Dunkelheit nahm zu, und es begann zu nieseln. Winzige Eiskristalle tanzten in der Luft und verschlechterten die Sicht. | ||
+ | Irina nahm dies als Zeichen, sich endlich dem Haus zu nähern. Sie kletterte über die Mauer und wählte ihre Schritte so, dass die Spuren im Schneematsch nicht so leicht zu entdecken waren. | ||
+ | Unter dem offenen Fenster verharrte sie wieder reglos, lauschte, doch kein Laut drang aus dem Zimmer. | ||
+ | Schließlich fasste sie sich ein Herz und kletterte flink über die Fensterbank ins Innere. Der Raum war nur eine Abstellkammer. Im diffusen Zwielicht verschmolzen die Umrisse von Staubsauger, | ||
+ | Der Killer wollte es ihr offensichtlich leicht machen. | ||
+ | Irina würde ihn dennoch nicht unterschätzen. Sie zog die Jericho aus dem Holster und entsicherte die Waffe, bevor sie behutsam gegen die Tür drückte, die einen Spaltbreit aufschwang, gerade genug, um einen Blick in den beleuchteten Flur dahinter zu werfen. Licht spiegelte sich auf dem Parkett. Wenige Schritte geradeaus erweiterte sich der kurze Flur zu einem größeren Empfangsraum, | ||
+ | Wo mochte Nox den Rechtsanwalt festhalten? | ||
+ | Irina ging davon aus, dass der Killer ihn irgendwo eingesperrt hatte. | ||
+ | Er würde sichergestellt haben, dass Neumann sich an das Angebot halten musste und sich nicht vorzeitig aus dem Leben stehlen konnte. | ||
+ | Die letzten zwei Monate würden sicher nicht besonders angenehm für ihn gewesen sein, schmunzelte sie. | ||
+ | Der einzige Hinweis, den sie hatte, war der Schatten an einem der oberen Fenster, dort wollte sie ihr Glück zuerst versuchen. | ||
+ | Also schlich sie den Flur entlang und die Treppe hinauf. Die feuchten Sohlen ihrer Schuhe machten auf dem Parkett leise, quietschende Geräusche, egal wie vorsichtig sie sich bewegte. | ||
+ | Adrenalin flutete ihren Körper, die Anspannung wurde unerträglich. | ||
+ | Sie kontrollierte drei Räume, die verschwenderisch ausgestattet und keinem offensichtlichen Zweck zuzuordnen waren, dafür brannte unsinnigerweise Licht, obwohl sich niemand darin aufhielt. In Gedanken fluchte sie über ihre schlechte Orientierung, | ||
+ | In der Mitte des Raumes stand ein einzelner Stuhl, auf dem ein gefesselter Mann, mit Blick zur Tür, saß. | ||
+ | Klein, untersetzt, kahl, das Gesicht wirkte aufgedunsen und ungesund. Das ehemals weiße Hemd war fleckig, die Anzughose zerknittert. Er musste schon lange hier sitzen und darauf warten, dass die Frist endlich auslief. | ||
+ | Seine Augen starrten ihr mit einer Mischung aus Panik und Wut entgegen, er hätte gerne etwas gesagt, doch der Knebel dämpfte alles zu einem undeutlichen Gemurmel. | ||
+ | Zu seinen barsockigen Füßen lag eine einzelne, rote Rose, die eindeutig frisch war. | ||
+ | Unwillkürlich breitete sich ein Grinsen auf Irinas Gesicht aus, während sie die Tür lautlos hinter sich schloss und die Jericho locker ins Holster steckte. | ||
+ | „Sie sind ja verpackt wie ein Geschenk, nur die rote Schleife fehlt“, meinte sie spöttisch, nahm die Blume auf und zerpflückte nach alter Manier die Blüte langsam in ihre Bestandteile. | ||
+ | „Herbert Neumann, nehme ich an. Es ist eine Weile her, und ich war damals nicht ganz auf der Höhe, aber ich erkenne Sie wieder“, fuhr sie fort, während die Blütenblätter langsam zu Boden rieselten, „Warum haben Sie das getan?“ | ||
+ | Irinas Hände begannen wieder zu zittern. | ||
+ | Sie schleuderte den kahlen Rosenstiel weg und griff erneut nach der Waffe. | ||
+ | Die Atmosphäre in dem verschwenderisch ausgestatteten Schlafzimmer kühlte merklich ab, schien plötzlich elektrisch geladen zu sein, sodass es nur eines unbedachten Funkens bedurfte, um ein Inferno zu entfesseln. | ||
+ | Sie näherte sich misstrauisch dem Glatzkopf und befreite ihn von dem Knebel. | ||
+ | Anstelle eines Dankes, überschüttete er sie mit einer Welle aus Flüchen und Beschimpfungen, | ||
+ | „Sie! Das hätte ich mir denken können!“, | ||
+ | Irinas Zorn gewann die Oberhand, sie holte aus und schlug dem wehrlosen Mann den Griff der Waffe an die Stirn. | ||
+ | Er quittierte den Schlag mit einem langgezogenen, | ||
+ | „Sie fühlen sich ja richtig wohl in der Opferrolle“, | ||
+ | „Grundlos! Grundlos“, | ||
+ | „Wie bitte?“ Irina traute ihren Ohren nicht. | ||
+ | „Mein armer Junge hatte Probleme, er hätte in eine Klinik geschickt werden müssen, wo man ihm geholfen hätte, aber Sie, Sie haben ihn ins Gefängnis gebracht, und acht Monate später hat er Selbstmord begangen. Er ist tot, weil Sie ihm die Hilfe verwehrt haben, die er gebraucht hätte“, wetterte er, zerrte an seinen Fesseln und machte den Eindruck, als wollte er Irina an die Kehle springen, wäre er nicht mit Kabelbindern an den Stuhl gekettet. | ||
+ | „Jetzt halten Sie mal die Luft an“, zischte Irina, die sich nur noch mit Mühe beherrschen konnte. | ||
+ | „Robin Ostkamp war ihr Sohn?“, hakte sie ungläubig nach, „Der Robin Ostkamp, der so lange auf meinen Verlobten eingedroschen hat, bis von seinem Gesicht nur noch eine blutige Masse übrig war? Der Robin Ostkamp, der -“ Aber Neumann fiel ihr trotzig ins Wort: „Er hätte Hilfe gebraucht! Er war drogensüchtig!“ | ||
+ | „Ihr Sohn ist ein Mörder! Die Tatsache, dass er sich vorher auch noch zugedröhnt hatte, macht es nur noch schlimmer. Das ist doch keine Ausrede für einen Mord!“ | ||
+ | „Das war ein Unfall! Er konnte nichts dafür. Seit dem Tod seiner Mutter hat er sich nur noch mit Gesindel abgegeben, die sich einen Spaß daraus machten, ihn zu Untaten anzustiften.“ | ||
+ | „Er konnte nichts dafür? Ein Unfall?“, Irina gab ein schrilles Geräusch der Empörung von sich, „Sie wagen es, den Mord an meinem Verlobten als Unfall abzutun? Das ist die größte Frechheit, die mir jemals untergekommen ist! Wofür halten Sie sich?“, langsam redete sie sich in Rage, „Ihr Sohn hat im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten beschlossen, | ||
+ | „Aber seine sauberen Freunde mussten nur eine kurze Haftstrafe verbüßen. Meinen Sohn haben Sie mit ihrer Aussage so schwer belastet, dass er lebenslang ins Gefängnis musste“, ereiferte Neumann sich. | ||
+ | Irina blickte ihn scharf an: „Haben Sie den beiden dann auch Auftragskiller geschickt? Ich erinnere mich, dass sie auch eine Aussage gegen Oskamp geleistet haben.“ | ||
+ | „Nein, nur Ihnen“, es klang fast, als sei er stolz darauf. | ||
+ | Einen Moment lang herrschte Schweigen, sie starrten sich gegenseitig in die Augen. Aber es war, als blickte Irina in einen Spiegel, denn sie las dort nur denselben Zorn, der auch in ihrem Innern kochte. Sie versuchte sich sammeln. Wie viel Zeit mochte inzwischen vergangen sein? | ||
+ | Sie schätzte, dass ihre zehn Minuten in Kürze verstrichen waren. | ||
+ | Sie könnte jetzt gehen, vielleicht hier aus dem Fenster klettern und Nox noch einmal entwischen. Sie hatte alles erfahren, was sie wissen wollte, doch das war nicht mehr genug. Dieser Mann sollte einsehen, dass er falsch gelegen hatte. Er sollte zugeben, dass er im Unrecht war, dass er sich schuldig gemacht hatte. Er würde sicher nicht zögern ihr noch einen zweiten oder dritten Killer zu schicken, wenn er die Chance dazu hätte, obwohl Irina bezweifelte, | ||
+ | Sie ergriff erneut das Wort: „Warum haben Sie ihrem Sohn nicht vorher geholfen, wenn Ihnen schon damals klar war, dass er Probleme hatte? Was ist mit den anderen Delikten, die er vor dem Mord begangen hatte? Warum haben Sie ihren Sohn nicht damals schon in eine Entzugsklinik geschickt, dann wäre nichts von alledem jemals geschehen!“ Sie war immer lauter geworden, zitterte am ganzen Körper vor Ohnmacht, ihre Finger umklammerten krampfhaft den Griff der Jericho. | ||
+ | „Meine Frau nahm mir den Sohn weg, als wir uns scheiden ließen, und als sie wenige Jahre später an Leberzirrhose starb, hatte sie den Jungen schon so verdorben, dass ich nicht mehr an ihn rankam. Ich habe alles versucht, aber Sie, Sie mussten ihn mir wieder wegnehmen, ins Gefängnis bringen, sodass ich überhaupt nichts mehr für ihn tun konnte. Sie sind schuld, das er sich das Leben nahm und jetzt, jetzt wollen Sie mich auch noch umbringen.“ | ||
+ | Irina wurde blass, ihre Wut wuchs ins Unermessliche. Im Kontrast dazu war ihre Stimme gefährlich leise geworden, als sie wieder das Wort ergriff: „Ich will, dass Sie sich entschuldigen, | ||
+ | „Das war mein Recht! Sie haben meinen Jungen auf dem Gewissen!“, | ||
+ | Ein grausames Pfeifen klingelte in Irinas Ohren, die ansonsten völlig taub geworden waren. Sie schoss ein weiteres Mal, plötzlich konnte sie es nicht mehr kontrollieren, | ||
+ | Obwohl ihr Kopf vor Schmerzen dröhnte und ihre Trommelfelle zu zerreißen drohten, konnte sie nicht aufhören. Zornige Tränen liefen heiß über ihre Wangen. | ||
+ | Schließlich fehlte ihr die Kraft für den nächsten Schuss. Sie sank in die Knie und verharrte eine Weile völlig apathisch. Wartete darauf, dass das Klingeln und Rauschen in den Ohren nachließ, das Zittern aus ihrem Körper verschwand und die Tränen versiegten. | ||
+ | Was für ein beschissener Mistkerl! Wie kam er dazu, sich über Recht und Gesetz hinwegzusetzen und zu seiner persönlichen Genugtuung andere Menschen derart zu quälen? Warum schickte er ihr einen Auftragsmörder, | ||
+ | Der Tinnitus wurde leiser, ein wiederkehrender Nachhall der Schüsse geisterte stattdessen als akustische Halluzination durch ihren Kopf. | ||
+ | Zweimal, dreimal, viermal, das Geräusch veränderte sich und nahm die Qualität eines langsamen Klatschens an. Irina fuhr aus ihrer Starre. | ||
+ | Jemand klatschte ihr Beifall. | ||
+ | Nox saß mit lässig überschlagenen Beinen auf dem Chesterfield-Sofa. | ||
+ | Heute trug er nur ein dunkles T-Shirt, schwarze Jeans und Bundeswehrstiefel. Der schwere Mantel fehlte. | ||
+ | Er ließ die Hände sinken, als er sich ihrer Aufmerksamkeit sicher war. | ||
+ | Wann hatte er den Raum betreten? | ||
+ | Irina sprang auf die Füße und stolperte zwei, drei Schritte zurück. | ||
+ | „Sie überraschen mich immer wieder aufs Neue“, ergriff er das Wort, erhob sich und kam langsam auf sie zu, „Einen solchen Overkill habe ich schon seit sehr langer Zeit nicht mehr beobachten dürfen. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass ausgerechnet Sie sich einmal so dem Zorn hingeben würden. Ich bin ehrlich beeindruckt“, | ||
+ | Irina hob die Jericho, die immer noch in ihren Händen zitterte. „Bleiben Sie, wo Sie sind. Keinen Schritt weiter“, sagte sie drohend. Die Augen des Killers blitzten wild auf, er schenkte ihr ein Lächeln, das beinahe ehrlich wirkte, doch der flammende Blick verzerrte es in eine unterschwellige Drohung. | ||
+ | Anstatt weiter auf sie zuzugehen, begann er sich zur Seite zu bewegen, wie eine Raubkatze, die ihre Beute umkreist. Bedächtig zog er einen glänzenden Gegenstand aus einem Holster am Gürtel, hielt ihn einen Moment demonstrativ ihn die Höhe und warf ihn dann achtlos weg. | ||
+ | Verwirrt und alarmiert beobachtete Irina die Szene. | ||
+ | Hatte er gerade absichtlich sein Messer weggeworfen? | ||
+ | Nox breitete die Arme aus, das Muskelspiel unter dem dünnen T-Shirt-Stoff rief unangenehme Erinnerungen in ihr wach. | ||
+ | „Irina, wie lange habe ich darauf gewartet, Sie wiederzusehen“, | ||
+ | Ihr Selbstvertrauen begann zu bröckeln, angesichts der Selbstsicherheit, | ||
+ | „Bleiben Sie stehen“, wiederholte Irina nachdrücklich. | ||
+ | „Was haben Sie vor?“ grinste er unverschämt, | ||
+ | Irina drückte ab. Der Schuss verfehlte Nox um ein Vielfaches und zertrümmerte hinter ihm den Fernseher. Er zuckte nicht einmal zusammen, obwohl Irina unter den Ohrenschmerzen, | ||
+ | „Versuchen Sie es noch einmal“, forderte er mit stoischer Gelassenheit, | ||
+ | Der Tinnitus war nach dem Overkill unglaublich schmerzhaft geworden. Irina badete in kaltem Schweiß, der Griff der Jericho wurde schlüpfrig, | ||
+ | „Fürchten Sie sich etwa?“, kommentierte Nox ihr Zögern. Er machte sich nicht die Mühe, seine Begeisterung über diese Feststellung zu verbergen, „Sie haben eine Jericho 941, eine ausgezeichnete, | ||
+ | Irina hob die Waffe, zielte auf Nox, aber sie konnte nicht abdrücken. | ||
+ | Was für ein Spiel spielte er mit ihr? Hatte sie überhaupt noch Munition? Wie oft hatte sie auf Neumann gefeuert? Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte der Killer: „Sie haben noch zwei Schuss übrig. Zwei Versuche, mit denen Sie sich für immer von mir befreien können. Kommen Sie! Schießen Sie!“ | ||
+ | Er hatte die Stimme beinahe feierlich erhoben. Irina schauderte unter dem ungewohnten Klang, sie hatte ihn niemals lauter reden hören, als in Zimmerlautstärke. Seine Stimme entfaltete ein dunkles Timbre, in dem eine zwingende Bestimmtheit lag, die durch ihr Bewusstsein sickerte und an ihr zu nagen begann. Sie hatte gehofft, dass sie diesen Weg aus freien Stücken hätte gehen können. Aber indem er sie dazu aufforderte zu schießen, nahm er ihr gleichsam die freie Wahl, verkehrte ihren Widerstand paradoxerweise in das Befolgen eines Befehls. So hatte sie sich das nicht vorgestellt, | ||
+ | Nox‘ Verhalten verunsicherte sie immer mehr. | ||
+ | Der beherrschte, | ||
+ | Misstrauisch behielt sie ihn im Auge. Die Waffe, die ihr persönlicher archimedischer Punkt sein sollte, zitterte fürchterlich in ihren Händen. | ||
+ | Nox blieb stehen, die Schultern strafften sich, sein Blick fing den ihren ein und hielt ihn fest. Irina jagte ein eisiger Schauer über den Rücken, als sie in die eisblauen Augen starrte, in denen ein unbestimmbares Feuer loderte. Wie sehr sich diese Augen doch von Juris unterschieden. Die Farbe war tatsächlich die einzige Gemeinsamkeit, | ||
+ | Wie ferngesteuert drückte sie ab. | ||
+ | Das Geräusch des Schusses peitschte durch den Raum, zerrte an Irinas mitgenommenen Trommelfellen, | ||
+ | „Wo schießen Sie denn hin?“, tadelte er wütend mit zusammen gebissenen Zähnen, „Wenn Sie mich loswerden wollen, dann schießen Sie mir in die Brust“, forderte er, richtete sich plötzlich zu voller Größe auf, obwohl er das verletzte Bein nicht belasten konnte und nagelte Irina mit einem wilden, lodernden Blick fest. | ||
+ | Eingeschüchtert wich sie noch einmal zwei Schritte zurück und packte die Jericho fester, damit ihre Hände endlich zu zittern aufhörten. Die Angst raubte ihr beinahe den Atem. Nox war so übermächtig, | ||
+ | Sie hatte nur noch einen Schuss übrig, nur noch einen einzigen Versuch. Sie durfte es nicht verpatzen. | ||
+ | „Was zögern Sie denn schon wieder?“, unterbrach er ihre Zweifel, dann fasste er sich inbrünstig an die Brust. „Hier müssen Sie hinzielen. Kommen Sie, brechen Sie mir das Herz!“ | ||
+ | Irina wurde kreidebleich. Der Schuss löste sich, bevor sie richtig gezielt hatte. Ihre Ohren wurden taub, der Tinnitus gewann an Intensität, | ||
+ | Der Oberkörper des Killers wurde zur Seite und nach hinten gerissen, aber er stürzte immer noch nicht, kämpfte kurz um sein Gleichgewicht und brach dann kontrolliert und lautlos in die Knie. Irinas Blick hing an dem glänzenden Blutfleck, der sich unterhalb seiner linken Schulter über die Achsel ausbreitete. Sie hatte verfehlt. Verzweifelt wollte sie noch einmal abdrücken, doch der Schlitten war zurückgefahren und dort stehengeblieben. Das Magazin war leer. | ||
+ | Nox hatte nicht gelogen. Natürlich nicht, das lag unter seiner Würde. | ||
+ | Irinas Beine gaben nach, sie sackte zu Boden. | ||
+ | Die nutzlose Waffe vor sich haltend versuchte sie wieder und wieder abzudrücken, | ||
+ | „Sie müssen das Magazin wechseln“, | ||
+ | Mit einem verzweifelten Aufschrei schleuderte Irina die Jericho weg. Sie prallte gegen das Wasserbett und schlitterte davon. | ||
+ | „Ich habe kein Reservemagazin“, | ||
+ | „Soll das heißen, Sie sind nur mit einem Magazin unterwegs, um einen gefährlichen Auftragsmörder zu erschießen? | ||
+ | Etwas in Irina krampfte sich schmerzhaft zusammen und zerbrach in kalte Splitter. Ihr Blick glitt über den angeschlagenen Killer, aus dem das Leben scharlachrot herausfloss. Trotzdem hatte er nichts von seinem Schrecken eingebüßt. Sie starrte an ihm vorbei und zur Decke. So verstört, wie sie war, rutschte ihr ein: „Das haben Sie doch schon“ heraus. Im nächsten Moment hätte sie sich gerne dafür geohrfeigt. | ||
+ | Nox stutzte, er atmete schwer. Blut quoll stetig zwischen seinen Fingern hervor, rann über seinen nackten Arm und tropfte von den Fingern zu Boden, wo sich eine dunkle Lache bildete, die schnell größer wurde. Sein Blick tastete prüfend über Irinas zusammengesackten Körper und blieb an ihren Brüsten hängen, sodass sie reflexartig die Arme davor verschränkte, | ||
+ | „Haben Sie es ernsthaft zur Welt gebracht? | ||
+ | „Das geht Sie nichts an“, entgegnete sie in einem kläglichen Versuch, der Frage auszuweichen. Die Tränen wollten kein Ende nehmen, doch sie fühlte immer noch nichts. | ||
+ | „Also ja“, Nox gab ein belustigtes Geräusch von sich, „Sie überraschen mich schon wieder. Sie erschießen aus Rache einen hilflosen, gefesselten Mann. Aber das Kind, das Sie für immer daran erinnern wird, was man Ihnen angetan hat, bringen Sie zur Welt. Ich bin fasziniert“, | ||
+ | Irina funkelte ihn stumm durch den Tränenschleier an. | ||
+ | „Ein Junge, interessant. Ich wäre neugierig zu sehen, wie viel Ähnlichkeit er mit mir besitzt“, presste er zähneknirschend hervor. | ||
+ | „Wagen Sie es ja nicht, meinem Sohn etwas zuleide zu fügen“, hörte Irina sich selbst sagen. | ||
+ | „Wo denken Sie hin? Es wird wohl kaum jemand dafür bezahlen, dass ich mein eigenes Kind umbringe“, | ||
+ | Eine eisige Klaue griff nach Irinas Herzen. Nox registrierte ihre Befürchtungen sofort: „Ich habe kein Interesse daran, ihn umzubringen“, | ||
+ | Der Blick löste eine Welle unaussprechlichen Grauens in Irina aus. | ||
+ | Mechanisch kämpfte sie sich auf die Füße, ihr Körper fühlte sich taub an, Arme und Beine gehorchten nicht richtig. | ||
+ | „Ich wollte Sie wirklich erschießen“, | ||
+ | „Sie hätten es auch beinahe geschafft, wenn Sie nicht so viele Kugeln für den Anwalt verschwendet hätten.“ Er rang sich zu einem spöttischen Lächeln durch und wirkte jetzt fast wieder so großspurig, | ||
+ | „Nox, werden Sie mich ab jetzt in Ruhe lassen?“, wollte Irina wissen. | ||
+ | „Ich fürchte, das wird mir nicht möglich sein, aber nennen Sie mich doch Radek, Nox bin ich nur für meine Klienten.“ | ||
+ | Irina nahm es mit einem verunsicherten Nicken zur Kenntnis. | ||
+ | „Ist das Ihr richtiger Name?“ | ||
+ | Er gab ein belustigtes Geräusch von sich: „Natürlich nicht.“ | ||
+ | Ihre Blicke schlossen sich ineinander, Irina erschauderte bis ins Mark, als sie das wilde Verlangen darin las, ein Bekenntnis und ein Versprechen zugleich, dann löste sie sich aus seiner unsichtbaren Umklammerung und wandte sich ab. | ||
+ | Der Killer versuchte ihr hinterherzuschauen. Irina blieb an der Tür noch einmal stehen und sammelte all ihren Mut für die folgenden Worte: „Dann, auf Wiedersehen.“ | ||
+ | Er antwortete mit einem zustimmenden Grunzen. Die Schmerzen schienen allmählich seine volle Konzentration zu fordern. | ||
+ | Wie in Trance folgte sie dem Flur, die Treppe hinunter und kletterte durch das Fenster in der Abstellkammer nach draußen. | ||
+ | Die eisige Nachtluft biss ihr ins Gesicht, langsam kehrte das Gefühl wieder in ihren Körper zurück, die weichen Beine stolperten den Weg entlang, bis sie das Tor erreichte. Sie benötigte mehrere Versuche, bis es ihr gelang, über den Zaun zu klettern. | ||
+ | |||
+ | Später fand sich Irina in einem Hotelzimmer wieder. | ||
+ | Verschwommen erinnerte sie sich an die Autofahrt, aber nicht ans Einchecken. | ||
+ | Das Zimmer war sauber, neutral, regelrecht luxuriös, nachdem sie sich an das spartanische Leben im Kloster gewöhnt hatte. Der Rucksack mit den wenigen Habseligkeiten hing an der Garderobe. Der Schlafsack und die Wolldecke lagen auf dem Bett. | ||
+ | Auf dem Tisch fand sie eine Schachtel Zigaretten. | ||
+ | Das Zimmer verfügte über einen Balkon. Irina trat in die winterliche Kälte hinaus, zündete sich eine Zigarette an und sortierte ihre Gedanken. | ||
+ | Sie hatte einen Menschen getötet. | ||
+ | Aus Rache, weil er ihr Leid zugefügt hatte. | ||
+ | Der Gedanke rief keine Reaktion in ihr hervor. Weder Schuldgefühle, | ||
+ | Sie hatte versucht, Nox zu erschießen, | ||
+ | Der Mensch, den sie gerne für die erlittenen Qualen zur Rechenschaft gezogen hätte, konnte schwer verletzt überleben. | ||
+ | Irina zweifelte nicht daran, dass Nox, nein Radek, sich wieder erholen würde, jetzt, wo er von Juri wusste. Er würde sich ans Leben klammern und einen Weg finden, um seine Neugier zu befriedigen. | ||
+ | Dieser Gedanke rief eine ganze Reihe von Gefühlen in ihr wach. | ||
+ | Sie spürte dem Wirrwarr in ihrem Innern nach, versuchte die einzelnen Qualitäten zu trennen. Da war die Erleichterung, | ||
+ | Sie hatte ihre einzige Gelegenheit verspielt, den Auftragsmörder loszuwerden. Eine zweite Auseinandersetzung würde es nicht geben. | ||
+ | Dennoch hatte sie sich eine Art Freiheit erkämpft, mit der sie nun nichts anzufangen wusste. | ||
+ | Sie zog erneut an der Zigarette und sog den Rauch zusammen mit der eisigen Nachtluft in die Lunge. | ||
+ | Es war ein wenig schockierend, | ||
+ | Was sollte sie mit diesem Leben nun anfangen? | ||
+ | Sie konnte sich unmöglich irgendwo niederlassen und von vorne beginnen, ein normales, ereignisloses Leben führen, mit dem Wissen, dass sie gemordet hatte und irgendwo da draußen Radek auf sie lauerte, weil- | ||
+ | Hastig zog sie an der Zigarette und musste husten. | ||
+ | Dann stieg ein bitteres Lachen in ihr hoch. | ||
+ | Alles, was schief gehen konnte, war schief gegangen. | ||
+ | Sie konnte es hinnehmen oder weiter versuchen, gegen einen unbezwingbaren Strom zu schwimmen, der ihr solange die Kräfte raubte, bis sie unterging. Doch der Gedanke, einfach die Richtung zu wechseln und sich mit der Strömung davontragen zu lassen, weckte ihren Trotz. Sie konnte einfach nicht über ihren Schatten springen und die Vergangenheit ruhen lassen. Allein die Vorstellung beleidigte ihren Stolz. | ||
+ | Neumann war nicht in der Lage gewesen, seine Fehler einzusehen, und Irina sah sich außerstande, | ||
+ | Ein weiterer Zug an der Zigarette. | ||
+ | Sie fröstelte in einem eisigen Windhauch. | ||
+ | Sie würde weiter kämpfen und sich widersetzen, | ||
+ | Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Der Vorsatz war reiner Trotz und Unsinn zugleich. | ||
+ | Wenn sie Bilanz zog, musste sie sich eingestehen, | ||
+ | Entweder man folgte seinen Vorsätzen, oder man überlebte, aber beides gleichzeitig funktionierte nicht. Irina hing an ihrem Leben. So sehr, dass sie die Bereitschaft in sich fühlte, jederzeit wieder Kompromisse zu schließen, sogar erneut zu töten, falls es nötig war, um selbst mit heiler Haut davon zu kommen. Ein trauriges Lächeln huschte über ihre Lippen. | ||
+ | Wie sehr man sich doch veränderte, | ||
+ | Irina gähnte unvermittelt. Die Ereignisse der letzten Stunden forderten ihren Tribut. Vielleicht sollte sie die Vorzüge des Hotels ein paar Tage auskosten, während sie sich Gedanken über die Zukunft machte. | ||
+ | |||
+ | Mehrere Tage blieb Irina im Hotel, unternahm wenig, genoss die viele Zeit, um untätig auf dem Bett zu liegen und fernzusehen, | ||
+ | Als sie am dritten Tag nach dem Abendessen den Empfang passierte, wurde sie von der Rezeptionistin abgefangen. | ||
+ | „Frau Hofstätter, | ||
+ | Überrumpelt starrte Irina die Angestellte an. | ||
+ | „Von wem?“, wollte sie wissen. | ||
+ | „Eine junge Dame hat es zugestellt, mehr kann ich Ihnen nicht sagen.“ | ||
+ | „Sonst nichts?“, hakte Irina nach. | ||
+ | „Es fallen keine Gebühren für Sie an, wenn Sie das meinen“, erklärte die Rezeptionistin mit einem beschwichtigenden Lächeln. | ||
+ | Irina begriff und lächelte zurück: „Vielen Dank. Ich nehme das Paket gerne gleich mit.“ | ||
+ | Die Angestellte nickte und händigte ihr ein Paket von der Größe eines Schuhkartons aus. | ||
+ | Zurück in ihrem Zimmer saß Irina mit gekreuzten Beinen auf dem Bett und starrte den Karton lange missmutig an. Es gab keinen Absender, aber es war klar, wer ihr dieses Paket geschickt hatte. Sie war sich nur nicht sicher, ob sie wissen wollte, was darin lag. | ||
+ | Nach einer Weile gewann ihre Neugier die Oberhand und sie löste seufzend das Klebeband. Das Paket bestand aus einer Schachtel mit Deckel, der sich nach oben abziehen ließ. | ||
+ | Im Innern fand sie einen Briefumschlag, | ||
+ | Der Briefumschlag fühlte sich ungewöhnlich füllig an. Sie öffnete die Lasche und hielt ein dickes Bündel Geldscheine in der Hand. | ||
+ | Irritiert zog sie den beiliegenden Brief heraus. | ||
+ | Das Blatt war nur mit wenigen Zeilen in einer makellosen Handschrift beschrieben, | ||
+ | Es war schon eine halbe Ewigkeit her, seit sie diese alte Schreibschrift das letzte Mal zu Gesicht bekommen hatte, und dementsprechend war sie ein wenig aus der Übung. Etwas holperig und fassungslos las sie die knappe Mitteilung: | ||
+ | |||
+ | Ich habe mir erlaubt, den Nachlass Ihres verstorbenen Schwiegervaters zu klären, und überstelle Ihnen hiermit das vollständige Erbe in bar. | ||
+ | Anbei finden Sie ein neues Smartphone. | ||
+ | Betrachten Sie es als Geschenk. | ||
+ | |||
+ | Keine Anrede, kein Gruß, nur die nüchternen Fakten. | ||
+ | Irina wunderte sich nicht einmal mehr, wie er das nun wieder bewerkstelligt hatte. Sie blätterte flüchtig durch das Bündel Geldscheine, | ||
+ | Was dachte der Killer sich dabei? War das seine Vorstellung von Wertschätzung? | ||
+ | Sie las den Brief noch einmal. | ||
+ | Die Schrift sah fast zu regelmäßig aus, um tatsächlich mit der Hand verfasst worden zu sein. Doch als sie den Briefbogen gegen das Licht hielt, konnte sie die dunklen Punkte an den Wortenden erkennen, wo die Tinte nach dem Abheben des Füllers eingetrocknet war. | ||
+ | Wie sollte sie das Privileg einordnen, dass Radek ihr handschriftlich ein paar Zeilen verfasste? | ||
+ | Frustriert legte sie den Briefbogen zur Seite und griff nach dem weißen Karton. Das Handy war brandneu, aufgeladen und bereits eingeschaltet. Der Hintergrund zeigte natürlich eine Rose. | ||
+ | Allmählich wurde ihr das alles zuviel. Einem aufkeimenden Verdacht nachgebend stöberte sie durch die gespeicherten Kontakte und keuchte überrascht, | ||
+ | Was bildete sich dieser Typ eigentlich ein? | ||
+ | Sie warf das Telefon aufs Kopfkissen und flüchtete auf den Balkon. | ||
+ | Während sie rauchte, versuchte sie ihre aufgewühlten Gedanken zu ordnen. | ||
+ | In seinen Augen war sie wohl immer noch ein kleiner Schmetterling. Es musste so sein, denn sie hatte ihn nicht erschießen können und sich außerdem noch verplappert. Er mochte unglücklicherweise der Vater ihres Sohnes sein, aber seine Telefonnummer brauchte sie deshalb noch lange nicht. | ||
+ | Sie hatte nicht vor, in irgendeiner Weise mit diesem verflucht unheimlichen und unsympathischen Mann Kontakt zu halten. | ||
+ | Trotzdem traute sie sich nicht, die Nummer einfach zu löschen. | ||
+ | Sie fühlte sich beobachtet. Sicher hatte er ein kleines Programm installiert, | ||
+ | Betrachten Sie es als Geschenk. | ||
+ | Das war wohl mehr ein Geschenk an sich selbst, um seinen kleinen Schmetterling im Auge behalten zu können. | ||
+ | Frustriert warf sie die halb aufgerauchte Kippe über das Geländer. | ||
+ | Aus der Nummer kam sie wohl niemals mehr raus. Wut stieg in ihr auf. | ||
+ | Wenn er sie unbedingt so sehen wollte, konnte sie das kaum verhindern. Aber sie wollte auf gar keinen Fall nur ein namenloses Etwas in einer langen Reihe von namenlosen Belanglosigkeiten sein. | ||
+ | |||
+ | Ein dreiteiliger Gong ertönte in dem kleinen Laden, als Irina die Tür des Tattoo-Studios öffnete. Der eisige Wind wehte ihr eine Handvoll Schneeflocken hinterher, die auf dem PVC-Boden vor sich hin schmolzen. Sie trat an die Theke und wartete auf einen Angestellten, | ||
+ | „Ich würde mich gern tätowieren lassen“, sagte sie mit einem freundlichen Lächeln und reichte dem Angestellten ein Bild mit ihrem Entwurf. | ||
+ | Er würdigte das Motiv mit einem geschäftsmäßigen Nicken und öffnete auf dem Rechner den Kalender, um einen freien Termin auszusuchen. | ||
+ | „Wie wäre es Dienstag in zwei Wochen?“ | ||
+ | „Das wird schwierig. Würde es auch sofort gehen?“ | ||
+ | In zwei Tagen würde Irina schon in einem Flugzeug Richtung Bergen sitzen. Walters Erbe hatte ihre Urlaubspläne erheblich beschleunigt. | ||
+ | „Haben Sie sich das auch gut überlegt? Nicht, dass sie in einem Jahr viel Geld für eine Laserentfernung investieren müssen, weil Ihnen das Motiv nicht mehr gefällt.“ | ||
+ | „Es mag nicht danach aussehen, aber ich verbinde etwas sehr Persönliches mit dem Aglais urticae“, erklärte Irina und lächelte höflich, als der Angestellte mit einer abwehrenden Geste antwortete. Er räusperte sich betreten und lenkte ein: „Im Grunde hätten wir grade tatsächlich noch Kapazitäten, | ||
+ | „Das freut mich.“ | ||
+ | „Folgen Sie mir, mein Kollege bespricht die Details mit Ihnen.“ | ||
+ | Der Tätowierer, | ||
+ | Sie tranken einen Kaffee zusammen und einigten sich auf den Preis. | ||
+ | Als Irina den Pullover auszog, damit er den Entwurf, für eine letzte Korrektur, mit Stempelfarbe auf die rechte Schulter drucken konnte, wurden seine Augen groß, angesichts der vielen Narben, die Irinas Rücken mit weißen Linien verunzierten. Sie lächelte entschuldigend: | ||
+ | Die Verwirrung des Tätowierers schien durch ihre Worte nur größer zu werden. Sie fügte beruhigend hinzu: „Es ist weniger schlimm, als es aussieht.“ | ||
+ | Schließlich sammelte der junge Mann sich wieder und brachte den Vordruck an. Das Bild würde genau im Übergang von Schulter zu Oberarm sitzen, aber immer noch die T-Shirt-Grenze wahren. | ||
+ | Sie nickte zustimmend. | ||
+ | Der Tätowierer bedeutete ihr mit einer einladenden Geste, auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Er packte die Nadeln aus ihrer sterilen Verpackung aus, um die Maschine zu bestücken, bereitete die Farben vor und hielt einen langen Vortrag über Sicherheit und Infektionsschutz. | ||
+ | Tatsächlich fühlte sich der Vorgang des Tätowierens gar nicht mal unangenehm an. Irina hatte es sich viel schmerzhafter vorgestellt, | ||
+ | In Gedanken ging sie die nächsten Tage durch, bevor sie die heimischen Gefilde für eine sehr lange Zeit hinter sich lassen würde. Sie lächelte voller Vorfreude. | ||
+ | Nach etwa zwei Stunden beendete der junge Mann sein Werk, cremte das Tattoo mit Wund- und Heilsalbe ein und wickelte es in Frischhaltefolie. Er gab ihr noch einige Pflegetipps mit auf den Weg und begleitete sie zur Tür, wo Irina sich höflich verabschiedete. | ||
+ | Der schwarze Asphalt verschwand allmählich unter einer dünnen, weißen Schneeschicht. Die Welt hatte die meisten ihrer Farben eingebüßt, | ||
+ | Selbst der Himmel wirkte bleiern, die Wolken hingen so tief, dass sie die höchsten Gebäude der Stadt zu streifen schienen. | ||
+ | Irina sog die frostige Kälte ein und lächelte. | ||
+ | Der Winter war ihr schon immer die liebste Jahreszeit gewesen, doch erst jetzt konnte sie es begründen. Die eisigen Temperaturen spiegelten auf ehrliche Weise das Leben wider. Man war gezwungen zu laufen, zu kämpfen, für etwas in Leidenschaft zu brennen, weil man andernfalls auf der Stelle festfror und unterging. | ||
+ | In dieser grauen Einöde war kein Platz für Sentimentalitäten, | ||
+ | Gerechtigkeit aber verlangte Objektivität. | ||
+ | In dieser Welt würde es das nicht geben. | ||
+ | Ein heftiger Windstoß blies Irina Schneeflocken ins Gesicht, sodass sie blinzeln musste, um wieder klar sehen zu können. | ||
+ | Sie hatte einen Teil ihres Weltbildes revidieren müssen, um am Leben zu bleiben. Wie viele überholte Grundsätze trug sie noch mit sich herum, falsche Ansichten, die darauf warteten, an die Realität angepasst zu werden? | ||
+ | Ihr Lächeln wurde scharf und dünn. | ||
+ | Sie würde es herausfinden. | ||
+ | |||
+ | ~ | ||
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+ | Die Sonne glänzte golden auf einer Glimmerschicht, | ||
+ | Er sah ihnen nach, bis er sie aus den Augen verlor. | ||
+ | Der Himmel präsentierte sich klar und wässrig blau. Eine dichte Schneedecke hatte alle Konturen des Parks glattgeschliffen, | ||
+ | Der Weg war nicht gestreut worden, nur die Fußstapfen früherer Passanten dokumentierten den Verlauf, ein Trampelpfad, | ||
+ | Irgendwo dahinter befand sich das Mehrfamilienhaus, | ||
+ | Sobald er wieder auf den Beinen war, versuchte er zu seiner alten Form zurückzufinden, | ||
+ | Die Bank hatte er für seine täglichen Spaziergänge ausgewählt, | ||
+ | Wieder strich er über die dünner werdende Glimmerschicht und löste einige Flocken, die vom Wind davon getragen wurden. | ||
+ | Mehrstimmiges Lachen wehte von der Seite herüber. | ||
+ | Vor einer Weile hatten die Kinder den Spielplatz verlassen und die verschneite Wiese erobert. Gemeinsam rollten sie Schneekugeln und schichteten sie übereinander, | ||
+ | Radek behielt die Umgebung aus alter Gewohnheit im Blick, während seine Aufmerksamkeit dem Schieferstück galt. Wieder strich er einen Daumen voll Glimmer von der Oberfläche und sah den Flocken hinterher. | ||
+ | Aus dem Augenwinkel registrierte er, dass ein Mädchen im Spiel innehielt und zu ihm herübersah. Es war nicht das erste Mal. | ||
+ | Schon in den vergangenen Tagen hatte sie ihn beobachtet, wenn er seinen täglichen Spaziergang machte und einige Stunden mit dem Schieferstück auf der Parkbank saß. | ||
+ | Sie mochte etwa sechs Jahre alt sein, blonde, krause Locken lugten unter einer roten Mütze hervor, die irgendwie so gar nicht zu ihrem blassen, sommersprossigen Gesicht und den graublauen Augen passte und erst recht nicht mit der rosafarbenen Winterjacke harmonisierte. | ||
+ | Heute wollte sie offenbar Kontakt aufnehmen. | ||
+ | Sie wechselte ein paar Worte mit den anderen Kindern, die nicht begeistert schienen, doch sie wand sich aus dem halbherzigen Griff eines älteren Jungen, der in einem blaugemusterten Schneeanzug steckte und stapfte durch den Schnee auf die Parkbank zu. Je näher sie kam, desto langsamer wurde sie, bis sie wenige Schritte außerhalb seiner Reichweite stehen blieb. | ||
+ | Radek ignorierte sie. | ||
+ | Wenn das Mädchen ein Anliegen hätte, musste sie ihn ansprechen. | ||
+ | Er würde sie nicht dazu auffordern. | ||
+ | Schließlich fasste sie sich ein Herz und trat noch ein paar Schritte näher. | ||
+ | Ihr Blick hing einen Moment an dem Schieferstück und der golden glänzenden Glimmerschicht, | ||
+ | „Deine Augen haben fast die gleiche Farbe wie der Himmel“, sagte sie mit kindlicher Faszination. | ||
+ | Radek sah auf und schenkte ihr für das Kompliment ein flüchtiges Lächeln. | ||
+ | Das Mädchen lächelte zurück und wurde mutiger. | ||
+ | „Tut dein Bein sehr weh?“ | ||
+ | „Wie kommst du darauf, dass mein Bein weh tut?“, wollte er wissen. | ||
+ | „Weil du immer so langsam gehst, und dann sitzt du hier ganz lange. Länger als alle anderen, die sonst hier sitzen. Und wenn du aufstehst, dann machst du so“, sie kletterte auf die Bank, um umständlich wieder aufzustehen und demonstrierte mit furchtbar übertriebenen Gesten, wie Radek ihrer Meinung nach aufstand, schlurfte noch ein paar Schritte durch den Schnee und blieb wieder vor ihm stehen. | ||
+ | „Das hast du gut beobachtet“, | ||
+ | „Oh“, machte das Mädchen, „Was ist denn mit deinem Bein passiert? | ||
+ | Der Killer schwieg einen Moment, bevor er antwortete: „Ich hatte einen Arbeitsunfall.“ | ||
+ | Das Gesicht des Mädchens hellte sich wieder auf. „Das kenne ich!“, rief sie. Verblüfft zog Radek eine Augenbraue in die Höhe, aber das schien sie nicht im Geringsten zu irritieren, denn sie plapperte einfach weiter: „Mit einer Eisenbahn, richtig? Mein Papa hat auch einen Arbeitsunfall gehabt. Er sagt bestimmt hundert Millionen Mal am Tag: Wenn die verdammten Bremsen gepackt hätten, dann hätte die Bahn mir nicht die Hacken abgefahren.“ | ||
+ | Sie imitierte den Tonfall ihres Vaters dabei. | ||
+ | Der Killer erkannte einen Menschen darin, der mit seinem Schicksal haderte und dies vermutlich mit viel Alkohol zu kompensieren versuchte. | ||
+ | „Ich wurde angeschossen“, | ||
+ | „Was machst du denn?“, fragte sie vertrauensselig. | ||
+ | Er warf ihr einen scharfen Blick zu. Die kindliche Neugier stand ihr überdeutlich ins Gesicht geschrieben. Sie blinzelte kurz verwirrt unter dem stechenden Blick des Killers. | ||
+ | „Ich habe Menschen für Geld umgebracht“, | ||
+ | „Ich hatte viel Spaß bei der Arbeit“, nickte Radek. Ein süffisantes Grinsen huschte über seine Lippen, gefolgt von einem wehmütigen Zucken der Mundwinkel. | ||
+ | „Und was machst du jetzt? Bist du jetzt Banker?“ | ||
+ | Die kindliche Frage kam so unvorbereitet, | ||
+ | „Wieso sollte ich ein Banker sein?“ | ||
+ | „Na, du sitzt doch auf einer Bank, oder?“ | ||
+ | „Das sind völlig verschiedene Dinge. Ich sitze hier, um nachzudenken.“ | ||
+ | „Und worüber denkst du nach?“ | ||
+ | „Das geht dich nichts an.“ | ||
+ | „Ach bitte, erzähl’ s mir!“ | ||
+ | Radek reckte sich ein wenig und warf dem Mädchen einen stechenden Blick zu. Sie schien völlig unempfindlich für die Gefahr, die der Killer ausstrahlte. Ein solch unerfahrener und unverdorbener Mensch war ihm noch nicht begegnet. Er fühlte das Verlangen, ihr einen kleinen Vorgeschmack auf die Welt zu geben. | ||
+ | „Ich sagte doch gerade, dass ich Menschen für Geld umgebracht habe. Weißt du, wie man das macht?“ | ||
+ | Das Mädchen schüttelte den Kopf. | ||
+ | „Die Leute erzählen mir, wen sie loswerden wollen. Ich erledige das und bekomme Geld dafür. Vielleicht habe ich schon mal einen Bekannten deiner Eltern ermordet, oder jemanden, den du mochtest. Es könnte jeden treffen“, erläuterte der Killer, bemüht, sich einfach und verständlich auszudrücken. | ||
+ | Ein Anflug von Angst huschte über das sommersprossige Gesicht. | ||
+ | „Aber jetzt machst du das nicht mehr?“ | ||
+ | „Nein, jetzt nicht mehr“, bestätigte Radek, um das Mädchen kurz in Sicherheit zu wiegen, bevor er auf den Punkt kam, „In Zukunft werde ich andere darin ausbilden. Verstehst du das? Ich zeige ihnen, wie man für Geld erfolgreich Menschen umbringt. Es wird viele Anwärter geben, weil ich einmal der Beste war. Jeder wird mein Erfolgsgeheimnis erfahren wollen. Wenn ich mit den Rekruten fertig bin, wird die Welt voller junger, aufstrebender Söldner und Auftragsmörder sein, die nur darauf warten, dass jemand ihre Dienste in Anspruch nimmt.“ | ||
+ | Für einen Moment schienen seine Worte tatsächlich so etwas wie Verstehen in dem Mädchen auszulösen, | ||
+ | „Aber“, begann sie, „Da müssen sich doch nur die bösen Menschen fürchten, oder?“ | ||
+ | Der Killer grinste böse: „Ein Auftragsmörder unterscheidet nicht zwischen guten und bösen Menschen. Er tut das, wofür er bezahlt wird.“ | ||
+ | „Das ist aber nicht fair“, wandte das Mädchen ein. | ||
+ | „Du wirst noch feststellen, | ||
+ | Angst spiegelte sich in den graublauen Augen des Mädchens. Instinktiv wich sie noch einen Schritt zurück, konnte sich jedoch nicht aus seinem Blick befreien. Der Killer grinste sardonisch und setzte nach. | ||
+ | „Du bist zu vertrauensselig. Das macht dich angreifbar. Ich habe bemerkt, wie du mich tagelang beobachtet hast, wenn du mit deinen Freunden auf dem Spielplatz getobt hast. Für gewisse Interessensgruppen wärst du einfach perfekt: Neugierig, kontaktfreudig und naiv“, er lachte kurz böse, „Du hast Glück, dass ich nicht zu dieser Sorte Menschen gehöre. Lass dir dies eine Lehre sein. Ein anderes Mal wirst du nicht bloß mit dem Schrecken davon kommen. Die Welt ist voller Menschen, die nur darauf warten, dir Dinge anzutun, die du dir nicht einmal vorstellen kannst.“ | ||
+ | Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Mit weinerlicher Stimme presste sie ein „Das ist gemein“ heraus, dann versuchte sie sich zu rechtfertigen: | ||
+ | „Nettigkeit gegenüber Fremden kannst du dir nicht leisten, weil du nicht auf dich aufpassen kannst. Ich könnte dich jederzeit umbringen, ohne dass es jemand bemerken würde.“ | ||
+ | „Hör auf, du machst mir Angst!“ | ||
+ | „Das ist gut. Ich hoffe, es wird dir helfen, in Zukunft vorsichtiger zu sein.“ | ||
+ | Einen Moment stand sie noch unschlüssig vor ihm, starrte auf den Schnee, wischte sich die Tränen aus den Augen und schniefte kurz. | ||
+ | „Muss ich dir noch mehr Angst machen?“ drohte Radek. | ||
+ | Erschrocken sah sie auf und traf auf den bohrenden Blick des Killers. Dann setzen sich ihre kurzen Beine in Bewegung, und sie rannte zurück zu ihren Freunden. | ||
+ | Radek sah ihr nicht hinterher. | ||
+ | Er widmete sich wieder dem Schieferstück. | ||
+ | Der Glimmer wurde mit jedem Tag dünner. In einer Woche, oder zwei, würde er das Mineral vermutlich vollständig abgeschält haben. | ||
+ | Jeden Tag eine kleine Schicht, Daumenwisch für Daumenwisch. | ||
+ | Wenn der Schiefer darunter zum Vorschein kam, wäre er gesund. | ||
+ | Er würde mit Linda auf einen einsamen Hof ziehen, der bald schon die ersten Anwärter beherbergen würde, die eine Ausbildung bei dem ehemaligen Killer anstrebten. | ||
+ | Er seufzte. Lieber hätte er Irina anstelle von Linda mit sich genommen. | ||
+ | Aber die Mutter seines Sohnes hatte andere Pläne. | ||
+ | Unwillkürlich musste er schmunzeln. Ihre Antwort auf sein Geschenk hatte ihn mit einer kribbelnden Vorfreude auf das nächste Treffen erfüllt, obwohl Irina sich für unbestimmte Zeit ins Ausland abgesetzt hatte. | ||
+ | „Wir sehen uns wieder, mein kleiner Fuchs“, murmelte er und strich mit dem Daumen über die golden glänzende Schicht. Einige Flocken des Glimmers bröckelten ab und wehten mit dem Wind davon. | ||
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- | * [[reihe: | ||
- | | + | Nachwort: |
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+ | Der Leser mag nun Bilanz ziehen, wie oft er über den Stolperdraht der emotionalen Solidarität mit einem der Protagonisten fiel. Wie oft brannte der leidenschaftliche Wunsch nach einer bestimmten Wendung der Ereignisse, obgleich die Moral einen anderen Rat erteilt hätte; doch hat nicht jeder von uns schon seine Prinzipien dem Zwecke angepasst, wenn Leid unseren objektiven Blick trübte? | ||
+ | So mag der Leser, der diese Frage mit einem vorschnellen „Nein“ beantworten möchte, sich vor Augen halten, dass die Moral nur so viel Macht über uns besitzt, wie der Mensch ihr zugesteht. | ||
+ | Der Rest ist das chaotische Kaleidoskop der Emotionen. | ||
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reihe/there_aint_no_justice/kapitel_9.1599722456.txt.gz · Zuletzt geändert: 10.09.2020 07:20 von hikaru_mitena